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Wir sind Kirchenkreis 10 - ab 1. Januar 2019

Sonntag, 28. Oktober 2018
Legende zum Bild: Die Kirchenkreiskommissionen des Kirchenkreis 10 besteht aus (v.l.) Yvonne Volkart (Wipkingen West), Claudia Trüb (Oberengstringen), Präsidentin Leonie Ulrich (Höngg), Roland Aeschlimann (Oberengstringen), Sybille Frey (Höngg), Peter Kraft (Höngg), David Brockhaus (Höngg). Nicht abgebildet sind die so genannten Beisitzer aus Pfarramt und von den Mitarbeitenden. Der/die Betriebsleiter*in ist noch nicht angestellt.

Die Reformierte Kirchgemeinde Höngg wird am 1. Januar 2019 Geschichte sein und im neuen Kirchenkreis 10, zusammen mit Oberengstringen und Wipkingen West, einer grossen Reformierten Kirchgemeinde Zürich angehören. Was bedeutet dies für die Gemeindemitglieder? Was wird neu, was bleibt wie gehabt?

Dass in Zürich die eigenständigen reformierten Kirchgemeinden verschwinden und in einer grossen Kirchgemeinde Stadt Zürich aufgehen, ist beschlossene Sache. Nur zwei, Hirzenbach und Witikon, haben der Fusion nicht zugestimmt und bleiben, zumindest vorderhand, eigenständig.

Die Kirchengemeinde Höngg aber wird es, wie alle anderen Zürcher Kirchgemeinden, ab 1. Januar 2019 nicht mehr geben. Höngg gehört dann, zusammen mit Oberengstringen und Wipkingen West, dem neuen Kirchenkreis 10 an, einem von zehn Kirchenkreisen, in welche die grosse Kirchgemeinde Zürich organisatorisch aufgeteilt wird.

Es ist also ähnlich wie damals 1934, als die eigenständige politische Gemeinde Höngg von der Stadt eingemeindet wurde und seither Teil des Stadtkreises 10 ist. Und wie damals – zum Teil mit Nachwehen bis heute – sind damit für die Gemeindemitglieder Unsicherheiten verbunden. Der «Höngger» hat mit Leonie Ulrich, Mitglied der bis Ende Jahr noch bestehenden Höngger Kirchenpflege und danach Präsidentin der Kirchenkreiskommission 10, und dem Höngger Pfarrer Matthias Reuter diese Unsicherheiten erläutert.

Was verliert Höngg?

«Den Namen: Die ‹Kirchgemeinde Höngg› existiert bald nicht mehr», sagt Reuter spontan und mit einem emotionalen Unterton, «wir sind dann einfach der Kirchenkreis 10». Ja, aller Voraussicht nach wird der Kirchenkreis 10 ganz einfach auch so heissen. Da geht natürlich der lokale Bezug bereits im Namen verloren. Doch welchen Namen könnte dieses heterogene Gebilde aus drei ehemals eigenständigen Gemeinden sonst tragen? Einige sind der Meinung, individuellere Namen würden mehr lokale Identität schaffen, andere Stimmen finden, man solle gerade damit aufhören und sich einfach, wie gewollt, als Teil der Kirchgemeinde Zürich sehen und nicht wieder eigene «Unteridentitäten» aufbauen.

«Doch dass man nun in eine Kirchgemeinde Zürich als reformierte Identität hineinwächst, ohne aber die lokale Identität vor Ort zu verlieren» so Ulrich, «ist auch ein schöner Gedanke. Zeit aber, das braucht es dafür wohl». «Und», so ergänzt Reuter, «wir können diesen Wandel nur dadurch beeinflussen, dass wir unsere Arbeit gut weitermachen und den Menschen hier vor Ort Heimat vermitteln.

Nach Oberengstringen zur Kirche?

Die Fragen der Kirchgemeindemitglieder drehen sich aber um ganz praktische Dinge: «Wie wird denn das», höre man oft, «müssen wir nächstes Jahr nach Oberengstringen in die Kirche»? Im Moment ändert sich für die Mitglieder wenig, können Ulrich und Reuter beschwichtigen: In Höngg bleiben alle Gebäude, die Kirche, das Sonnegg, das Kirchgemeindehaus und die Pfarrhäuser in Betrieb. Ebenso in Oberengstringen, denn das sind Betriebsliegenschaften. «Mit den attraktiven kirchlichen Angeboten, die alle weiterlaufen wie bisher, gab und gibt es für die Kirchgemeinde Zürich keinen Grund, eine dieser Liegenschaften zu schliessen», betont Ulrich.
Die anderen aber, die Anlageobjekte oder nicht mehr genutzte Pfarrhäuser, gehen in den Liegenschaftenpool der Kirchgemeinde Zürich, die dann entscheidet, was damit geschehen soll.

Was sich aber ändert, sind vor allem interne Abläufe: Solche, die heute in kleinen Teams vor Ort eigespielt funktionieren, müssen in einen grösseren Verbund übertragen werden. Strukturell und kulturell muss man sich finden – genau so, wie wenn zwei Firmen fusionieren und die verschiedenen Firmenkulturen aufeinanderprallen. Nur weil man der gleichen Kirche und demselben Glauben angehört, bedeutet das nicht, dass man auch alles gleich macht. So wird von der Kirchenkreiskommission 10 vieles neu gedacht und synchronisiert. Zum Beispiel, wie man wann und wo welche Art Gottesdienst feiert.

Die «lokalen Spezialitäten» wie zum Beispiel die liturgische Abendfeier in Höngg oder der Gospel- oder der Dorfplatzgottesdienst behalten ihre Veranstaltungsorte. Der Oberengstringer Pfarrer Jens Naske wird aber auch mal in Höngg und die Höngger Pfarrpersonen in Oberengstringen predigen. Zum Beispiel der Pfingstgottesdienst wird nächstes Jahr gemeinsam an einem Ort gefeiert und auch in den Ferienzeiten wird man nur noch an einem Ort Gottesdienste abhalten. Bereits gemeinsam gefeierte Gottesdienste wurden als schöne und wertvolle Bereicherung empfunden.

Angesichts des Durchschnittsalters stellt sich die Frage, wie die Gottesdienstbesucher*innen die je nach dem längeren Wege akzeptieren werden. «Da suchen wir noch nach praktischen Lösungen», so Ulrich, «ob mit ÖV oder vielleicht sogar einem zukünftigen Kirchenkreis-10-Shuttle-Bus, das ist noch Gegenstand von Diskussionen».

So arbeiten die heutigen «Vor-Ort-Teams» bereits zusammen in neuen Teams des Kirchenkreises 10, wo sie sich interdisziplinär Themen aus dem Erwachsenenbereich, Jugend oder Familien und Generationen widmen. «Die Personen, die da zusammenarbeiten», so Ulrich, «sind alles langjährige, engagierte Mitarbeitende, ob im Pfarrteam, in der Sozialdiakonie, der Katechetik, der Kirchenmusik, dem Hausdienst, im Sekretariat oder als Freiwillige. Und das Team, das an Bord ist und dieses steuert, weiss, worum es geht». Deshalb, so ergänzt Reuter, müsse auch niemand befürchten, dass sich in Höngg nun alles ändere: «Natürlich gibt es Änderungen, das will ja die Reform auch erreichen, doch die gab und gibt es immer – davor braucht niemand Angst zu haben».

Zweigeteiltes Wipkingen

Für Höngg und Oberengstringen scheint also alles «auf Kurs» zu sein. Angebote, Häuser und auch das Personal bleiben sich gleich. Anders sieht das in «Wipkingen West» aus, jenem Teil von Wipkingen westlich der Rosengartenstrasse, der von der bisherigen reformierten Kirchgemeinde Wipkingen abgetrennt wird und auch zum Kirchenkreis 10 kommt.

Was bedeutet dies für die dort lebenden 1300 Reformierten? Sie verlieren, man muss es so sagen, fast alles: Die 1909 erbaute Kirche oben am Waidberg wird geschlossen, das Kirchgemeindehaus unten am Wipkingerplatz wird anders verwendet, die Pfarrerin Elke Rüegger-Haller wird Ende Januar pensioniert und nur eine ihrer Vertretungen kann im Kirchenkreis 10 weiterarbeiten. Alle anderen Mitarbeitenden kommen mit «Wipkingen Ost» zum Kirchenkreis 6 beziehungsweise erreichen das Pensionsalter. Eine schwierige Situation.

Für die «West-Wipkinger» aber, um sie mal so zu nennen, werden die Kirchen in Höngg oder Oberengstringen der Ort für Gottesdienste sein und alle Informationen und Einladungen werden sie mit dem postalischen Absender «8049 Zürich» bekommen. So erhielten Eltern von Kindern in Wipkingen West bereits die gleiche Post wie jene in Höngg und Oberengstringen. Zum Beispiel für «Fiire mit de Chliine» oder die Teilnahme am «Unti».

Das mag anfänglich verwirren, zeigt aber auch, wo eines der Probleme des Zusammenschlusses liegt: im Zwischenmenschlichen. Den Gemeindemitgliedern in Wipkingen West sind ihre neuen Pfarrpersonen noch unbekannt und denen die Bedürfnisse eben dieser Gemeindemitglieder. Da muss der Kirchenkreis 10, von beiden Seiten her, zuerst zusammenwachsen. Die neue Pfarrperson, die nach Pfarrerin Rüegger-Haller eingestellt werden soll, wird sich den «West-Wipkingern» besonders annehmen müssen.

Reicht die Zeit?

Bei allen Unwägbarkeiten, die vielleicht im organisatorischen und im Zwischenmenschlichen noch bestehen mögen, würde man sich da nicht etwas mehr Zeit wünschen? Nein, sagt Ulrich klar, es sei sowieso eine Illusion, bereits vor dem Start alle Ungewissheiten beseitigt zu haben: «Das Zusammenwachsen ist ein Prozess, ein Weg, der nicht im Voraus zu Ende gegangen werden kann». Sie ist froh, wenn man am 1. Januar starten und die laufende Arbeit Schritt für Schritt weiter konkretisieren kann, im Wissen, dass Korrekturen laufend stattfinden werden, wie bei jeder «Fusion».

Aus dem Interview im "Höngger" vom 27.9.2018