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Als man in Höngg noch Skifahren konnte

Freitag, 22. September 2017

Die Moderatorin, Sozialdiakonin Gabriela Bregenzer, bemerkt gleich zu Beginn, dass die «Männer und Frauen wie früher in der Kirche getrennt sitzen», da ruft eine Dame: «Das hat nichts zu bedeuten, sonst sind wir nicht so schüchtern». Starthilfe brauchen die anwesenden Damen und Herren keine: Das «Erzählcafé» hat noch nicht einmal offiziell begonnen, da ist man schon mitten in den alten Geschichten. Die Stimmung ist heiter und völlig entspannt, diese Generation hat keine Berührungsängste und viel Humor, wie es scheint. Bregenzer erklärt als erstes die Regeln, denn die gibt es: Es geht nicht darum, einen Vortrag zu halten oder eine Diskussion zu einem bestimmten Thema anzuzetteln. Jeder darf erzählen, niemand muss. Man lässt andere ausreden und kommentiert oder widerspricht nicht. Natürlich ist vor allem letzterer Punkt schwierig, denn die Erzählungen der anderen wecken Erinnerungen in einem selber und so kommen immer wieder zustimmende oder ergänzende Zwischenbemerkungen, aber das machte diese Erzählstunde umso lebendiger. In ihrem kurzen Einstiegsreferat erinnert sich Ursula Bolliger, geboren 1943, an ihre Kindheit in Höngg. Sie war wohl ein aufgewecktes Kind, durfte mit den Kehrichtmännern auf dem Laster bis zum Schulhaus Bläsi B mitfahren – sie wohnte am Wipkingerende der Ackersteinstrasse – und später liess der Tramchauffeur Ragettli sie auch schon mal die Tramtüren bedienen. Alle vier Wochen kam die Grossmutter mit einem Mocken Siedfleisch, dass sie in der Fleischhalle gekauft hatte, zu ihnen nach Hause, damit die Mutter nicht kochen musste, sondern waschen konnte. Alleine die Wörter wie «Mocken» schicken einen auf eine Zeitreise.

Ein Glacé beim Beck Walti für 20 Rappen

Während die Kinder vom Rütihof täglich zwei bis drei Kilometer zurücklegen mussten, um zur Schule zu gehen, beklagten sich andere über einen zu kurzen Schulweg: «Wir wohnten gleich neben der Schule, und meine Eltern wussten immer, wenn sie aus war, ich durfte nicht trödeln», erzählt eine Dame mit elegantem Haarknoten. Auch andere teilten dieses «Schicksal»: «Ich musste nach der Schule einfach noch eine Runde mit meiner «Clique» im Dorf drehen und beim Beck Walti vorbeigehen. Dort gab es Glacé für 20 Rappen. Der Bäcker ist allen Anwesenden in guter Erinnerung, scheinbar war er sehr grosszügig zu den Kindern und drückte öfter mal ein Auge zu. «Ausserdem gab es am Schulsilvester von ihm immer etwas – und nie war es Zerbrochenes», erinnert sich ein Herr. Es müssen schöne Zeiten gewesen sein, als man noch den Holbrig runterschlitteln und an verschiedenen Orten wie dem Müseli und am ehemaligen Schwarzenbachweg sogar Skifahren konnte. «Manchmal landete ein Ski in der Limmat, dann musste man halt nach Dietikon runterrennen», erinnern sich die Herren. Die Kinder hatten zwar kein Geld, aber Freiheiten, die heute weit weg scheinen. Zumindest sind sich an diesem Nachmittag alle einig, dass es schön war «Damals in Höngg». Nach etwas mehr als einer Stunde haben sich die Damen und Herren gerade erst warm geredet. Bei Kaffee und Kuchen in der Caféteria sitzen sie aber noch etwas beisammen und führen das Gespräch weiter. Sozialdiakonin Gabriela Bregenzer ist sehr zufrieden mit dem Verlauf des ersten Erzählcafés. Sie hatte einige Fragen vorbereitet, für den Fall, dass das Gespräch ins Stocken geraten würde, und war natürlich froh, dass sie diese überhaupt nicht gebrauchen musste. Auch wenn das Thema des ersten Erzählcafés eher ältere Generationen angesprochen hat, ist die Idee dieser Veranstaltung, dass alle Altersgruppen eingeladen sind, zu erzählen.